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Internationalisierung

Warum Chinas Erzeugungskosten seit Jahren zurückgehen

Nicolas Musy (Autor)

01.05.15 - 17:00

Obwohl die Gehälter in den vergangenen Jahren jeweils im fast zweistelligen Bereich gewachsen sind, sind Chinas Erzeugungskosten heute geringer als im Jahr 2008. Das gewaltige Automatisierungs-Potenzial bedeutet zudem, dass China auch bei weiterhin steigenden Löhnen zu wettbewerbsfähigen Preisen wird produzieren können.

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Ein Blick in die Zukunft

Neben der offensichtlichen Schlussfol­gerung, dass China für Unternehmen im Bereich der Robotik und Automation ein gewaltiger Wachstumsmarkt ist, gibt es noch weitere interessante Konsequenzen. Zuallererst: Technologie wird für Unternehmen immer wichtiger, nicht nur in entwickelten Volkswirtschaften, sondern auch in China. Auch die Dienstleistungs-branche erhält durch Technologie enorme Wachstumschancen, zum Beispiel durch die Verfügbarkeit von professionellen Konsumentendatenbanken, die optimierten Service für chinesische Kunden gewährleisten.

Die Nähe zu Kunden wird ebenfalls immer wichtiger. Wenn die Lohnkosten weniger relevant werden und die Technologie sowie gut ausgebildete Fachkräfte mehr entscheidend sind, werden sich die Erzeugungskosten an verschiedenen Orten angleichen. Können die Maschinen vor Ort individuell adaptiert und bedient werden, macht eine Produktion nahe am Kunden Sinn. Bei ähnlichen Kosten bietet die Nähe zum Kunden den entscheidenden Vorteil, die Kundenwünsche besser verstehen und erfüllen zu können. Mit der Produktion vor Ort fallen natürlich auch Zölle und Transportkosten weg, dazu wird Zeit gespart.

Aus diesem Blickwinkel betrachtet, schaffen Chinas enormes Marktpotenzial und die Anstrengungen im Bereich der Technologie die Möglichkeit, im Reich der Mitte eine noch stärkere Fertigungswirtschaft aufzubauen. Die anderen Entwicklungsländer mit grosser Bevölkerung werden Probleme haben, aufzuholen, wenn sie technologisch hinterherhinken.

Fazit für ausländische Firmen

Für ausländische Unternehmen bedeutet das, den Tochterfirmen Flexibilität zuzugestehen, um nahe an den Konsumenten zu sein und auf die Bedürfnisse der je­weiligen Kunden eingehen zu können. In der Swiss Center Shanghai-Studie «2014 China Business Survey» stuften die Befragten den «Mangel an Unterstützung und Verständnis vom Mutterunternehmen» als zweitgrösste Herausforderung für die China-Geschäfte ein. China wird auch weiterhin zu wettbewerbsfähigen Preisen produzieren.

Die momentane Exportstärke Chinas und das gewaltige Automatisierungs-Potenzial sprechen eine deutliche Sprache: Die Löhne können weiterhin wachsen, gleichzeitig werden aber auch mehr Arbeitskräfte durch Roboter ersetzt werden. Momentan zeichnet sich ein verlangsamtes Lohnwachstum ab. Es wird interessant sein, welche Ziele der nächste Fünfjahresplan in Sachen Mindestlöhne im Jahr 2016 festlegen wird.

Die internationale Konkurrenzfähigkeit hängt auch davon ab, ob es China gelingen wird, die Arbeitskräfte schnell genug auszu­bilden. Die Ausbildung von Fachkräften ist eine Herausforderung. China hat den Vorteil, auf einen riesigen Pool an Auslandsstudenten zurückgreifen zu können, die die Mängel des eigenen Bildungssystems ausgleichen sollen. Für eine langfristig erfolgreiche Entwicklung ist die Verbesserung des chinesischen Bildungssystems aber ein ganz zentraler Faktor.

Sowohl chinesische als auch ausländische Unternehmen sind deutlich effizienter geworden. Die Preise werden in den kommenden Jahren wahrscheinlich nicht wachsen. Zur gleichen Zeit werden die Kosten aber steigen. Deswegen müssen Manager nicht nur das Wachstum, sondern auch höhere Effizienz und Produktivität im Kopf haben.

Herausforderung für CH-Firmen

Schweizer Firmen haben zusätzliche Herausforderungen zu bewältigen – und zusätzliche Chancen tun sich auf. Die plötzliche Aufwertung des Schweizer Frankens bedeutet für diejenigen, die ihre Produkte im preissensiblen chinesischen Markt verkaufen wollen, umso mehr Fokus auf Effizienz legen zu müssen. Gleichzeitig werden chinesische Produkte in vielfältiger Hinsicht günstiger. Nicht nur durch den Wechselkurs, sondern auch die geringeren Produktionskosten und das Freihandelsabkommen machen chinesische Erzeugnisse günstiger. Das bietet eine Chance, durch Materialbeschaffung und Produktion in China den starken Franken auszugleichen.

Porträt

Nicolas Musy (Autor)

Managing Director

Nicolas Musy ist Managing Director der Nonprofit-Organisation Swiss Center Shanghai (SCS, www.swisscenters.org), die Schweizer Unternehmen bei der Expansion nach China unterstützt. Der China-Experte lebt seit 25 Jahren im Reich der Mitte. Das SCS ist der grösste Cluster von Schweizer Firmen in Asien und bietet seinen Mitgliedern Büro- und Werkstattflächen, Government Relations, Marketing-Support, operatives Controlling und ein breites Netzwerk an Experten. SCS hat in China mehr als 200 Betriebe unterstützt – sowohl KMU als auch Grossunternehmen. Dabei haben die Experten des SCS unter anderem 20 Produktionsunternehmen und mehr als 30 Büros und Vertriebsfirmen in China aufgebaut.