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Interviews
Interview mit Daniel Bodmer

«Wir disruptieren uns sozusagen täglich selber»

Daniel Bodmer, Regula Heinzelmann (Autor)

16.09.20 (Ganztägig)

Daniel Bodmer, CEO der Faigle-Gruppe, über die Digitalisierung im Dokumenten- und Datenmanagement, das Selbstverständnis von «Chance Management» und die Auswirkungen der Coronakrise.

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Wie beurteilen Sie das Thema Homeoffice und Datenschutz?

Die Interessen der Digitalisierung sind mit anderen Kriterien wie beispielsweise dem Datenschutz abzuwägen. Wir können nicht in Fragen des Datenschutzes päpstlicher als der Papst sein und andererseits alles, was unser Privatleben betrifft, über die sozialen Medien wahllos publizieren. Homeoffice ist eine gute Sache und sollte dies im Konflikt mit Datenschutz stehen, was ich übrigens nicht glaube, so ist zu entscheiden, welches Bedürfnis wichtiger ist. 

Wird das Heimbüro die Arbeit in der Firma oder werden Videokonferenzen direkte Gespräche ersetzen?

Nicht vollständig, das hat gerade die Coronakrise gezeigt. Das direkte Gespräch mit anderen Menschen enthält Elemente, die durch die Digitalisierung nicht abgedeckt werden, vor allem die Möglichkeit, den Gesprächspartner einzuschätzen und sich einzufühlen. Deswegen ist der direkte Kontakt weiterhin sehr wichtig.

Im Hinblick auf Umweltmanagement sind Reparaturen und Ersatzteile statt Neuprodukte sinnvoll. Beratung und Service gehört laut der Firmenpräsentation aus den 1990er-Jahren zur Firmentradition. Welche Schwerpunkte hat Ihr Service heute?

Das damalige Credo lautete: «Ein erstklassiges Produkt + fachliche Beratung + tadelloser Service = zufriedene Kunden». Das ist vermutlich auch heute noch völlig richtig. Natürlich hat Umweltmanagement heute einen anderen Stellenwert. Unsere Industrie hat in Bezug auf Material und Recycling allerdings schon immer Umweltaspekte beachtet. Tatsächlich sind die neuen Geräte im Unterhalt deutlich besser als noch vor wenigen Jahren. Nebst unserer konsequenten Haltung, Maschinenparks zu optimieren, versuchen wir also, die neuesten Gerätegenerationen zu platzieren, um so nachhaltiges Umweltmanagement zu verfolgen. Alte Geräte werden konsequent zurückgenommen und gemäss strengsten Vorgaben rezykliert. Hier geht es wie bei anderen Themen auch um eine andere Denkweise. Nicht, wie produziere ich das Gerät umweltfreundlich, sondern: Brauche ich überhaupt ein Gerät? 

Trotzdem besteht die Tendenz, immer das Neueste zu wollen und sogar Schlange zu stehen, wenn ein neues Handy erscheint? Was halten Sie davon?

Ich bin ich nicht primär daran interessiert, die Geräte und Maschinen unserer Kunden auszutauschen. Andererseits gibt es neue Generationen von Produkten, die bestimmte innovative Funktionen zulassen, zum Beispiel die Follow-me-Lösung der Drucker. Dabei kann man an jedem Standort ausdrucken, indem man sich mit einem Badge oder Handy identifiziert. In unserer Industrie ist es also weniger wichtig, immer das Neueste zu wollen, nur weil es im Trend liegt. Neue Technologie mit höherem Kundennutzen erfordert aber dennoch eine regelmäs­sige Erneuerung des Druckerparks oder der digitalen Prozesse.

Kommen wir noch zu einer wirtschaftspolitischen Frage: Wie sollte sich die Schweiz zur EU stellen?

Faigle ist ein Schweizer Unternehmen, welches sich auf den Schweizer Markt konzentriert. Dennoch sind auch wir auf den freien Personenmarkt und Handel angewiesen, sind wir doch in zahlreichen Grenzregionen tätig. Da wir uns auch in der Entwicklung engagieren, finden wir gar nicht alle Ressourcen in der Schweiz. Eine enge Zusammenarbeit ist aus meiner Sicht un­umgänglich, auch wenn dies teilweise mit Kompromissen verbunden ist. Kein Land der EU hat nur Vorteile.

Sollten wir nicht als drittwichtigster Handelspartner der EU mehr Selbstbewusstsein zeigen?

Ich bin überzeugt, dass die EU sich auch in einem Innovationsprozess befindet. Die Tatsache, dass Grossbritannien ausgetreten ist, war schon ein Schock. Man wird sich auf Dauer von dem nach Brüssel orientierten Zentralismus verabschieden müssen. Dann wird sich die EU in eine Richtung entwickeln, die dem Schweizer Modell näherkommt. Die heutige EU ist teilweise so aufgeblasen, dass Innovation mehr behindert als gefördert wird. Andererseits hat es keinen Sinn, dass wir immer unsere eigenen Gesetze machen, die inhaltlich praktisch gleich sind, nur ein bisschen anders geschrieben werden, damit Schweiz drauf steht. Wir sollten von den Vorteilen profitieren, Kompromisse eingehen und dafür unsere Ideen auch aktiv einbringen.

Die EU-Länder haben durchschnittlich 85 Prozent Schulden, die Schweiz 35 Prozent. Es kann doch für die Schweiz nicht zuträglich sein, uns an diesem Schuldenberg zu beteiligen?

Von meiner Ausbildung her bin ich Ökonom. Ich habe gelernt, dass man die Geldmenge nicht beliebig ausdehnen sollte und nicht unendlich Schulden machen kann. Wenn man aber diese ökonomischen Prinzipien ausblendet und die Entwicklung des Wohlstandes in den letzten 30 Jahren betrachtet, gab es da trotz aller Schulden eine erfreuliche Entwicklung und die befürchtete Inflation ist bisher nicht eingetreten. Den Umständen entsprechend geht es den Staaten trotz Schulden eigentlich verhältnismässig gut. Natürlich möchte ich nicht auf dieses Niveau kommen, sehe aber für die Schweiz auch keine Gefahr. 

Die Voraussetzungen für eine Wirtschaftskrise bes­te­hen ja schon lange. Wird sie nicht jetzt durch Corona ausgelöst?

In den letzten Jahrzehnten haben wir keine Krise erlebt, die mit der von den Dreissigerjahren zu vergleichen wäre. Vor zehn Jahren gab es zwar mit der Finanzkrise einen Einbruch, aber eine nachhaltige, substanzielle Krise war das nicht wirklich. Ob jetzt Corona diese vorausgesagte dramatische Krise bringt, müssen wir abwarten. Ich bin kein Prophet und selbst Fachleute sind sich uneinig. So wie in den vergangenen Krisen pumpt man jetzt, auf nie dagewesene Art, viel Geld in die Wirtschaft. Gut möglich, dass dadurch eine schnelle Erholung eintritt und die Wirtschaft schnell wieder wächst. Ich bin zuversichtlich, dass auch hier dank Innovation und Transformation diejenigen am schnellsten wieder wachsen, die sich anpassen und Veränderung nicht nur zulassen, sondern aktiv fördern.

Porträt

Daniel Bodmer

CEO

Daniel Bodmer absolvierte an der Universität Zürich ein Studium in Ökonomie und Psychologie. Nach Tätigkeiten im Verkauf und Produktmanagement war er in diversen Branchen in leitenden Positionen tätig, unter anderem in den Bereichen IT, Telekommunikation und Finanzdienstleistungen. Zuletzt war er als CEO bei der Cashgate AG beschäftigt, wo er die digitale Transformation des gesamten Angebots vorantrieb und in der Folge den Verkauf der Cashgate an die Cembra Money Bank begleitete. Am 1. Juni 2020 übernahm Daniel Bodmer die operative Führung der Faigle-Gruppe. Das 1933 gegründete Familienunternehmen Faigle ist spezialisiert auf Druck-, Dokumentenmanagement- und 3D-Druck-Lösungen.